harry clark im interview
mit ulrich clewing

Herr Clark, Sie sind eigentlich klassisch ausgebildeter Musiker. Wie kamen Sie zum Interior Design?

Das stimmt, ich bin seit frühester Kindheit musikalisch gefördert worden. Nach dem Abitur stand ich vor der Wahl, ob ich mich weiter zum Konzertpianisten ausbilden lassen wollte oder lieber der Malerei und dem Design nachgehe. Ich habe dann Innenarchitektur und Bühnenbild studiert. Als Praktikant erlebte ich damals die ersten Auftritte der Sopranistin und großen Wagner-Interpretin Waltraud Meier an der Staatsoper in Hannover, das war ganz toll, da war ich Anfang Zwanzig.

Und ab wann wussten Sie, dass Ihnen am Design mehr liegt als an der Musik?

Das lief bei mir schon immer parallel. Ich spiele meinen Flügel heute noch, allerdings natürlich nicht professionell. Meine Lieblingsbeschäftigungen als Kind waren Klavier spielen und malen. Und meinen Eltern und Freunden das Haus einrichten, ob sie wollten oder nicht (lacht).

Ist Ihnen die Entscheidung für das Design leicht gefallen?

Es war ein langer Weg, von der Musik zum Bühnenbild und über die Gartenarchitektur zum Interior Design. Mir wurde irgendwann klar, dass es sich bei einer künstlerischen Tätigkeit im Grunde immer um dieselbe Sache dreht: um den Willen, zu gestalten.

Wer sind Ihre Auftraggeber, wie würden Sie die beschreiben?

In der Regel sind es Menschen, die ein großes ästhetisches Verständnis mitbringen und nicht genau wissen, wie sie es umsetzen sollen. Oder es fehlt ihnen die Zeit dafür, das kommt auch oft vor. Das Spektrum meiner Klienten reicht von Unternehmern und Anwälten, Ärzten und Diplomaten bis zu Künstlern und Leuten, die selber Designer sind – wie Stefano Pilati, für den ich in Berlin ein Loft gestaltet habe, als er von Yves Saint Laurent zu Ermenegildo Zegna ging.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Auftrag?

Natürlich, das war ein Garten, den ich für einen Journalisten in Clapham im Süden Londons designt habe. Damals betrieb ich die noch recht unbekannte Disziplin des Skip Diving. Eines Tages kam ein Mann und fragte, was ich da in seinem Baucontainer täte. Für den selben Auftraggeber habe ich dann auch das Farbkonzept seines Hauses entwickelt.

Was reizt Sie grundsätzlich am Interior Design?

Interior Design bedeutet für mich nicht nur, schöne Sachen zu besitzen. Ich sehe darin einen sinnlichen und auch einen tieferen psychologischen Aspekt. Design macht eine Umgebung zu einem Ort, an dem man sich wohlfühlt, den man mitgestalten kann, an dem man seine Bedürfnisse mit denen anderer in Einklang bringt. Das berührt ganz fundamentale Fragen: Für mich ist Design ein Lebensumfeld, das stimmig und harmonisch und manchmal auch disharmonisch sein kann. So wie eigentlich das Leben selbst.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie ein neues Projekt beginnen?

Als erstes machen meine Auftraggeber und ich eine Bestandsaufnahme. Soll die Gestaltung ein absoluter Neuanfang sein, bei der man alles Vorhandene rausreißt? Oder die Transformation eines existierenden Raumes, einer Wohnung, eines Hauses, die dem Vorhandenen mehr Glanz und Leben verleihen soll?

 

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Wie geht es dann weiter?

Wenn ich zum ersten Mal in den Räumen bin, erstelle ich einen Umgebungsplan. Das heißt, ich schaue aus dem Fenster und analysiere, was ich dort sehe. Vielleicht kommt das aus meiner Zeit als Bühnenbildner: Ich achte darauf, wo die Sichtachsen sind, welche Mittelpunkte existieren. Welche Komposition sich im Ganzen aus einer Situation ergibt, die Einfluss auf das spätere Interieur nehmen könnte.

Schönes Bild: Man fängt an, eine Wohnung einzurichten, indem man aus dem Fenster schaut…

Selbstverständlich spielen die Himmelsrichtungen eine Rolle, die Sonneneinstrahlung und ob man zur Umgebung einen Kontrast herstellen möchte oder eine Harmonie.

Was bedeutet das konkret?

Wenn gegenüber eine graue Betonmauer ist mit lachsfarbenem Dach, könnte man überlegen, das betreffende Zimmer rosa zu streichen – das war ein Witz. Aber im Ernst: In so einer Situation könnte es sich anbieten, den dominanten Farbton nuanciert aufzunehmen und damit das Außen in den Innenraum zu integrieren. Ganz allgemein versuche ich immer, von den Auftraggebern so viele Informationen wie möglich zu erhalten, denn letztendlich sind sie es, die ihre Umgebung selbst bestimmen. Was ich designe, ist nur Resultat ihrer Bedürfnisse.

Und wenn die Auftraggeber nur vage Vorstellungen haben, was sie wollen?

Man kann schnell erkennen, in welchem Zustand ein Gebäude ist, ob es krank ist oder nicht. Manchmal sagen Auftraggeber, dieses oder jenes wollen wir unbedingt weghaben. Und ich entgegne, ich glaube, wir müssen uns auf etwas ganz Anderes konzentrieren. Eine Wohnung, ein Haus kann man strukturieren wie einen Landschaftsplan, wie eine Karte. Manchmal zerlegt man es dabei in seine Einzelteile und setzt die dann wieder neu zusammen. Mir liegt es fern meinen persönlichen Geschmack meinen Kunden über zu stülpen.

Um noch mal auf die Musik zurückzukommen: Sehen Sie Gemeinsamkeiten zwischen einer Komposition und dem Einrichten einer Wohnung?

Alle erdenklichen. Musik ist für mich das zum Fluss gewordene Bild von Architektur und Design. Nehmen Sie eine dreistimmige Fuge von Bach. Sie werden bei Räumlichkeit, Perspektive, Rhythmus viele Parallelen entdecken.

Wie wichtig sind Farben beim Interior Design?

Farben sind für mich das A und O. Ihr Zusammenspiel ist wie das Zusammenspiel der Sängerinnen und Sänger in einer Oper. Nicht umsonst spricht man bei Gesangsstimmen auch von einer Färbung. Das gleiche kann man von Farben sagen, auch sie haben einen Klang. Selbst Grau existiert in enorm vielen Schattierungen – nur fehlt es uns heute manchmal an der Achtsamkeit, diese Schattierungen zu erkennen. Farbe kann enorm viel, sie kann leiten, kann schützen. Mit Farben kann ich Wohnzonen schaffen, ohne dass Wände dafür nötig wären.

 

Erleben Sie dabei manchmal auch Überraschungen, etwa dass Farbtöne, die nach dem landläufigen Geschmack nicht zusammenpassen, in der einen speziellen Kombination auf einmal doch genau richtig sind?

Was ist der landläufige Geschmack? Wir leben in einer Welt mit so vielen Einflüssen, dass es etwas wie den landläufigen Geschmack gar nicht mehr gibt. Es spielt schon eine große Rolle, was die Umgebung dominiert. Welche Farbe die Erde hat, die Steine. Im Norden Europas herrscht eher ein kühleres Timbre. Ocker, das man im Süden aus Kalksteinen gewinnt, ist viel wärmer als Ocker, das aus Lehm gemacht wird. Es wird einem gerne suggeriert, alles sei austauschbar und jeder Wunsch werde überall auf der Welt auf die gleiche Weise erfüllt. Das halte ich für einen Irrtum.

Nach welchen Kriterien kombinieren Sie Farbtöne?

Das ist wie in der Musik. Wenn man nur Harmonie schafft, wird es schnell langweilig. Für die Harmonie eines Ganzen muss man auch Kontraste wählen. Entscheidend ist auch, aus welcher Richtung das Licht kommt, in welcher Intensität es strahlt. Man kann mit Farben alles manipulieren.

Welche Regeln gilt es dabei zu beachten?

Eine lautet, dass eine oder zwei Farben nicht genügen, wenn man ein räumliches Gefüge gestalten möchte. Man braucht dazu mindestens drei. Erst die Grenze zu einer anderen Farbe bringt den Farbton, den wir eigentlich gewählt haben, zum Ausdruck. Farben sind wechselseitig vollkommen aufeinander angewiesen.

Gibt es Farben, die Sie besonders schätzen und deshalb immer wieder verwenden?

Ich nehme generell gern kräftige Farben, die auf den ersten Blick vielleicht sogar fast ein bisschen giftig wirken. Das hat aber nichts mit Chemie zu tun, sondern kommt direkt aus der Natur. Ich liebe Baumflechten. Und wenn Sie sich die einmal genau ansehen, stellen Sie fest, wie ungeheuer intensiv die sind. Dass ich Farbtöne immer wieder verwende – das kommt sehr selten vor. Ich kann mich nicht erinnern, einmal exakt denselben Ton bei zwei verschiedenen Projekten verwendet zu haben.

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Wir sehen hier in Ihrer Wohnung am Tiergarten in Berlin auch viel Design der 70er Jahre. Was fasziniert Sie an der Epoche besonders?

Ich bin ein Kind dieser Zeit, ich mag das Spielerische und die Pop-Kultur im Design der Siebziger. Damals gab es eine spezielle Formenfreude, die noch etwas von der Space-Age-Ästhetik hatte. Ich sehe darin auch eine Wiederaufnahme des Art Déco – ein Stil, den es in Deutschland, anders als in Frankreich, England oder Amerika, ja nie wirklich gegeben hat. Oder wenn, dann nur in Anklängen.

Haben Sie Vorbilder oder Lieblingsdesigner?

Ich mag das opulente, lebensfrohe Design der Italiener und Franzosen in den 30ern, 40ern und 50ern. Jacques Adnet zum Beispiel liebe ich über alles, wie er Leder verwendet hat, das war zu seiner Zeit ganz neu und ungewohnt. Ein anderer Gestalter, den ich sehr schätze, ist der Lampendesigner Gaetano Sciolari. Vor ein paar Jahren hätte man seine Entwürfe noch als Casino-Trash bezeichnet. Auch Romeo Rega mag ich sehr. Oder Willy Rizzo, der als Fotograf mit Chanel und Marilyn Monroe zusammenarbeitete. Er wurde zum Designer, weil er einfach keine Möbel fand, die ihm gefielen. Also fing er an, selber welche zu machen.

Entwerfen Sie auch Möbel?

Oh ja, mit großer Begeisterung, vor allem Einbaumöbel. Für Stefano Pilati habe ich zusammen mit meinem Meistertischler und Metallarbeiter unter anderem eine Küche entworfen, die das technische Zeitalter im Berlin der 1920er Jahre widerspiegeln sollte. Da haben wir eine Menge geätztes Metall verwendet, mit subtilen Goldtönen und brünierten Oberflächen. Und eine große Inspirationsquelle für das Projekt war auch Pierre Chareaus “Maison de Verre” in Paris. Grundsätzlich kombiniere ich gern Materialien, die eigentlich nicht gut zusammengehen.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel Stahl, Stein und Glas. Ich benutze auch viel Messing. Holz auch, aber das habe ich lieber auf dem Fußboden. Manchmal nehme ich auch gern Beton oder Korian – haben Sie die roten Waschbecken im Gästebad gesehen? Sind die nicht toll?

Würden Sie sagen, dass Sie einen bestimmten Stil haben?

Interessante Frage. Natürlich richte ich mich nach den Wünschen der Auftraggeber. Aber ich habe sicher auch eine persönliche Handschrift, das war schon bei meinen Gärten so. Da haben die Leute meine Arbeiten auch immer sofort wiedererkannt. Das hat vielleicht damit zu tun, wie ich Flächen und Räume organisiere, Bilder aufhänge. Wie ich bei aller Eleganz, die ich erzeugen möchte, auch mit Humor und Ironie an die Sache gehe. Ich glaube, mein Stil ist Trüffelschwein eklektisch.

Letzte Frage, wo haben Sie so gut deutsch gelernt?

Ich wurde in Deutschland geboren. Meine Mutter war Deutsche, die in New York aufgewachsen ist, mein Vater Engländer. Ich besitze ein internationales Ich, würde aber auch sagen, dass mein Herz für England schlägt. Ich habe so lange in London gelebt.

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