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Bilderrahmen und ihre ästhetische Funktion und Wirkung

- ein Gastbeitrag von Matthias Franck – CONTOR FRANCK

*Allgemeine Definition „Rahmen“:

Ein Rahmen ist eine umfassende Bedingtheit. Er schafft sowohl für den umschließenden Inhalt als auch für den jeweiligen Zusammenhang ein strukturierendes Ordnungsprinzip.

Diese konzeptionelle Ordnung funktioniert als integrale Wechselwirkung und als eigenständige ästhetische Dimension – betreffend Objekte oder Themen.

Der Bilderrahmen umspannt ein Bild

Ausgehend von dieser abstrakten Definition soll es nun im Folgenden um ein bestimmtes Objekt und Thema gehen: den Bilderrahmen.

Der Bilderrahmen umspannt ein Bild. Er fasst es ein und verleiht ihm Stabilität. Diese äußeren Bedingungen definieren seine grundsätzlichen Funktionen. Gleichzeitig verweisen sie bereits auf seine Bedeutungen in ästhetischen Dimensionen: das umrahmende Bild in Szene zu setzen sowie selbst Teil einer Inszenierung zu werden.

Bilderrahmen-und-Bilderecken-auf-grauer-Wand

Nicht zuletzt hat sich der deutsche Philosoph und Soziologe Georg Simmel in seinen kulturphilosophischen Beiträgen u.a. mit dem Thema „Bilderrahmen“ auseinandergesetzt.

Ausgehend von seiner Betrachtung von Kunstwerken und deren physischen Grenzen, erkennt Simmel im Rahmen, dass dieser die Doppelfunktion von Grenzen „symbolisiert und verstärkt.“ Dabei enthüllen sich „die Eigenschaften des Bilderrahmens...als Hilfen und Versinnlichungen“ der inneren Einheiten eines Bildes. „Das Kunstwerk ist in der eigentlichen widerspruchsvollen Lage, mit seiner Umgebung ein einheitliches Ganzes ergeben zu sollen, während es selbst doch schon ein Ganzes ist...Es ist ersichtlich, welcher unendlich feinen Abwägungen des Vor- und Zurücktretens, der Energien und der Hemmungen der Rahmen bedarf, wenn er im Anschaulichen die Aufgabe lösen soll, zwischen dem Kunstwerk und seinem Milieu, trennend und verbindend, zu vermitteln.“

(vgl. Georg Simmel: Der Bilderrahmen – Ein ästhetischer Versuch / ex: Der Tag. Nr. 541, 18. November 1902 – Berlin)

 

Die unterschiedlichen Dimensionen von Rahmen

In ästhetischer Hinsicht treffen im Rahmen folglich mehrere Dimensionen aufeinander:

Die rein funktionalen und zugleich die konzeptionellen Dimensionen als komplexes Geflecht von Wechselwirkungen und als verbindende Elemente im Raum.

Der Rahmen war und ist immer noch ein wichtiges, nicht zu vernachlässigendes Gestaltungselement im Interior Design, einschließlich der gegebenen Parameter des umgebenden Raumes. Denn: Bilderrahmen harmonisieren den Eindruck und tragen ihren Teil zum jeweiligen Klang, zur erzeugten Atmosphäre von Räumen bei – in jeglicher Hinsicht: farblich, proportional, stilistisch, akustisch, kompositorisch.

So ist denn auch eine Bildersammlung ein einheitliches ästhetisches Ganzes, vom eigenständigen Ganzen, wobei der Bilderrahmen das jeweilige Werk einordnet, wirkungsvoll unterstützt und abrundet.

Beitragsbild-_Bilderrahmen-und-ihre-ästhetische-Bedeutung_harry-clark-und-Contor-Franck Wand mit vielen Bildern und Bilderrahmen

Diese Perspektive sei an Raffaels „Sixtinischer Madonna“ verdeutlicht: Ein Ausnahmewerk und zugleich ein Werk von vielen in der Dresdner Gemäldegalerie – als Ganzes und Teil eines Ganzen sowie über dessen Grenzen hinaus – im Sinne von Ästhetik als Sinnesempfindung und -wahrnehmung – mit der Anschauung des Werks und dessen Historie, dessen Stellenwert in der Sammlung, in der Kunst allgemein, in der europäischen Kultur und als wichtiges Element der gesamtkulturellen Stellung Dresdens in der Welt. Und: Der Rahmen ist ein Teil davon.

Der Verzicht auf einen Rahmen

Viele Künstler lehnen einen Rahmen als Gestaltungselement für ihre Bilder grundsätzlich ab, weil sie eine Deutungsverlust befürchten, keinen Rahmen stellvertretend für eine nach mehreren Seiten hin offene Betrachtungsweise verstehen, oder befürchten, dass das Bild einen Charakter erhält, der ihrer Auffassung, ihrem Empfinden, ihrem Verständnis nicht entspricht und den Entstehungsprozess mit samt der beabsichtigten Wirkung verstellt.

Bilder auf stahlblauer Wand und Impressionismus im Rahmen

Wird auf einen Rahmen ganz verzichtet, kommt der Umgebung die Aufgabe zu, das Werk zu rahmen und einzubinden. Dabei ist die häufig anzutreffende Wandfarbe Weiß nicht dazu geeignet diese Aufgabe zu erfüllen. Nur sehr selten gelingt mit dieser Farbe eine räumliche Struktur – auch wenn sie allenthalben als „neutral“, „sachlich“, „schlicht-und-einfach“, „zu allem passend“ oder gar als „zeitlos“ empfunden wird. Sie stellt jedoch zwischen verschiedenen Objekten keinen Zusammenhang her.

Was in Bezug auf „Weiß“ zutrifft, ist, dass sie Räume emotional entkernt. Menschen bleiben zumeist Außenstehende und sind nicht involviert. Das ist jedoch wiederum eine ganz andere Ebene und hat mit räumlichen Konzepten (fast) nichts zu schaffen.

(Mehr zum Thema „Farbe Weiß“ in „news“ bei harryclarkinterior – https://www.harryclarkinterior.com/weiss-in-der-raumgestaltung/)

Der Rahmen im Zeitgeschmack

Doch zurück zum „Rahmen“: Ein Rahmen entwertet oder erhöht die Bedeutung oder Wirkung eines Werks und unterliegt Moden und einem sich verändernden Zeitgeschmack.

Seit den Siebziger Jahren des vorherigen Jahrhunderts kam, als Kulturdemokratisierung verstanden, der bis heute anhaltende Trend auf, dem Rahmen keinen Platz mehr einzuräumen, ihn zu ignorieren und für überflüssig zu erklären. Aufwändige Rahmen wurden als unnötiger Luxus, bourgeois oder bohemien verpönt, rahmenlos zum wohlgefälligen Ausdruck von Sparsamkeit und Bescheidenheit und strandete schließlich in einem von diffusen Ängsten getriebenen Konformismus. Da bleibt dann kaum Platz für ein altes Handwerk mit umfangreichem Wissen und Können: für Holzarbeiten wie Tischler, für Arbeiten mit Blattgold wie Vergolder, für Papier und Karton wie Buchbinder, für Glas wie Glaser, fürs restaurieren wie Restauratoren und für alles rund ums Konservieren wie Konservatoren.

Das Handwerk für Einrahmungen

Insbesondere im letzten Thema haben sich für Einrahmungen in den vergangenen Jahren Weiterentwicklungen ergeben, die mit neuen Materialien und Erkenntnissen die gerahmten Objekte in ihren Original- oder Jetzt-Zuständen aufrecht erhalten und sie vor Umwelteinflüssen schützen: z.B. mithilfe von alterungsbeständigen, säurefreien, atmungsaktiven, wieder lösbaren und vollständig reversiblen Montagematerialien sowie Museumsglas zum Schutz vor UV-Lichteinflüssen.

zwei-Bilder-übereinander--auf-heller-Wand-mit-Goldrahmen

Die Zahl der  Einrahmungshandwerke und -geschäfte ist indes stark geschrumpft, vormalige Abteilungen in Kaufhäusern sind verschwunden und nur in Baumärkten und Möbelhausketten findet sich eine marginale Auswahl an Möglichkeiten ohne fachkundige Beratung – und dank der unzähligen Internetportale fühlen sich die dort Recherchierenden nach kurzer Zeit als Experten und haben für das professionelle Handwerk keinen Cent bzw. keine Wertschätzung mehr übrig.

Die Globalisierung mit ihrer weltweiten Arbeits- und Produktionsteilung trägt ihren Teil zu dieser Entwicklung mit bei einschließlich einer bisweilen überfordernden, weil unendlichen Vielzahl an individuellen Gestaltungsmöglichkeiten. Wie viele Suchmaschinenseiten gibt es für: Rahmen – selbst gemacht?

Doch es gibt mittlerweile Ausnahmen und andere Entwicklungen, die beobachtet werden können. In kleinen homöopathischen Dosen steigt die Sensibilität für das Handwerk und die damit verbundene Qualität.

Rahmen besitzen gr0ße bis kleinste Erkennungsaspekte – zum Bild und zum Raum hin.  Als „Requisit“ zur gesamtkonzeptionellen Inszenierung von Interieurs sind sie Teil der Beantwortung der Frage: Was braucht und verträgt das Bild und der Raum unabhängig vom individuellen Geschmack?

Der Gewinn an ästhetischer Qualität

Ein Mehr an Zeit und Gedanken bedeutet auch ein Mehr an ästhetischer Qualität. Schließlich zwingt das Vorhaben ein Bild zu rahmen ganz grundsätzlich zu gesamtkonzeptionellem Denken. Denn: ein Rahmen sagt in unterschiedlichster Ausprägung immer etwas aus:

- über das Bild – auch wenn der Rahmen hinter dem Bild als Keilrahmen liegt;

- über den Rahmen selbst – hinsichtlich Größe, Breite, Farbe, Form, Struktur,  Stil und Qualität;

- über die Art der Fertigung – handwerklich oder industriell;

- über seinen eigenen Wert – den individuellen Stellenwert oder den Marktwert;

- über den Besitzer – privat oder öffentlich.

 

All diese Informationen stehen dann wiederum im Verhältnis zur Umgebung, zur Situation; und vervollständigen den Ausdruck und Eindruck insgesamt – und sind dabei immer abhängig vom jeweiligen Wahrnehmungs- und Erkenntnisvermögen der Beobachtenden.

 

*Weitere Definitionen zu Begriffen wie Ästhetik, Eleganz, Farbe, Geschmack, Konzept, Kreativität, Werturteil u.v.a.m. finden Sie im Lexikon bei CONTOR FRANCK (https://contorfranck.de/aesthetik-abc/)

 

Matthias Franck

CONTOR FRANCK

 

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